Was geschieht, wenn ein Kind sehr früh lernt, dass ein wichtiger Teil seiner Wahrnehmung nicht sein darf?
Ich habe schon als kleines Kind Dinge wahrgenommen, die für mich vollkommen selbstverständlich waren. Erst durch die Reaktionen der Erwachsenen lernte ich, dass andere Menschen meine Wahrnehmung nicht teilten – und dass es offenbar besser war, darüber zu schweigen.
Damals konnte ich natürlich nicht wissen, wie sehr mich diese Erfahrung prägen würde. Ich wusste nur: Wenn ich über das sprach, was ich wahrnahm, machte ich mich verletzlich.
Also hörte ich auf, darüber zu sprechen.
Als meine Wahrnehmung noch selbstverständlich war
Als ich drei oder vier Jahre alt war, hatte ich bereits eine sehr klare Wahrnehmung der geistigen Welt.
Da waren Menschen, die andere nicht sehen oder hören konnten. Für mich war das nichts Besonderes. Sie waren einfach da. Ich sprach mit ihnen und erzählte natürlich auch von ihnen.
Warum hätte ich das nicht tun sollen?
Als kleines Kind hatte ich noch keine Vorstellung davon, dass das, was für mich selbstverständlich war, für andere Menschen ungewöhnlich sein könnte.
Bis zu einer Begegnung, an die ich mich bis heute erinnere.
Meine Mutter und ich trafen auf der Straße eine Freundin von ihr. Diese Frau hatte kurz zuvor ihren kleinen Sohn durch einen Unfall verloren. Er war ungefähr in meinem Alter gewesen.
Sie war entsetzlich traurig und verzweifelt.
Ich als kleine Göre verstand überhaupt nicht, warum.
Denn ich konnte ihren Sohn wahrnehmen. Für mich war er da. Ich hörte ihn und erlebte, dass er neben seiner Mutter stand und mit ihr sprach.
Also sagte ich ihr das.
Was meine Mutter in diesem Augenblick genau sagte oder tat, daran erinnere ich mich nicht mehr.
Aber ich erinnere mich sehr deutlich an das, was danach kam.
Immer wenn wir dieser Frau begegneten, ermahnte meine Mutter mich:
„Und du hältst deinen Mund.“
Wenn ein Kind lernt zu schweigen
Meine Mutter sagte mir immer wieder sinngemäß:
„Die Leute lachen dich nur aus, wenn du solchen Unsinn erzählst.“
Ich wollte so sehr, dass meine Freunde aus der geistigen Welt ihr einfach beweisen würden, dass sie wirklich da waren.
Nur einmal.
Damit meine Mutter sehen konnte, dass ich mir das nicht ausdachte.
Aber nichts geschah.
Ich erinnere mich noch daran, wie sie in ihrem Sessel saß und über das lächelte, was ich ihr erzählte. Für mich als Kind fühlte sich dieses Lächeln herablassend an.
Und irgendwann traf ich eine Entscheidung:
Ich erzähle niemandem mehr davon.
Heute kann ich natürlich mit dem Blick einer Erwachsenen auf diese Situation schauen. Meine Mutter konnte nur aus ihrer eigenen Wahrnehmung und ihrem eigenen Weltbild heraus reagieren. Sie erlebte nicht, was ich erlebte.
Vielleicht wollte sie mich sogar davor bewahren, ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden.
Das konnte ich als kleines Kind aber nicht verstehen.
Bei mir kam etwas ganz anderes an:
Dieser Teil von mir darf nicht sichtbar sein.
Wenn Schweigen zum Schutz wird
Also schwieg ich.
Und das funktionierte erstaunlich gut.
Wenn niemand wusste, was ich wahrnahm, konnte mich auch niemand deswegen auslachen oder mir erklären, dass mit meiner Wahrnehmung etwas nicht stimmte.
Schweigen wurde zu meinem Schutz.
Das Problem mit solchen Schutzmechanismen ist nur: Sie verschwinden nicht automatisch, wenn wir erwachsen werden.
Was uns einmal geholfen hat, kann uns Jahrzehnte später immer noch begleiten – selbst dann, wenn wir diesen Schutz längst nicht mehr brauchen.
Bei mir ging es irgendwann nicht mehr nur darum, meine mediale Wahrnehmung zu verbergen.
Ich hatte gelernt auszuhalten.
Nicht zu sprechen.
Mich zurückzunehmen.
Schwierige Situationen irgendwie durchzustehen, anstatt mich klar zu äußern oder mich zu wehren.
Lange Zeit verstand ich nicht, warum mir das so schwerfiel.
Ich fühlte mich oft einsam, übersehen und mit Dingen allein, obwohl ich nach außen durchaus stark sein konnte.
Erst viel später begann ich zu verstehen, dass die Entscheidung des kleinen Mädchens von damals noch immer in mir wirkte:
Zeig nicht zu viel von Dir. Dann kann Dich damit auch niemand verletzen.
Ein Schutz, der irgendwann nicht mehr notwendig ist
Heute sehe ich diese Geschichte anders.
Ich muss dem kleinen Mädchen von damals nicht erklären, dass es mutiger hätte sein sollen.
Es war mutig.
Und als es merkte, dass Offenheit weh tun konnte, hat es mit den Möglichkeiten eines Kindes einen Weg gefunden, sich zu schützen.
Das war damals sinnvoll.
Nur bin ich heute nicht mehr dieses kleine Mädchen.
Ich kann selbst entscheiden, wem ich von meiner Wahrnehmung erzähle.
Ich kann entscheiden, wie sichtbar ich damit sein möchte.
Und ich kann damit umgehen, wenn jemand meine Erfahrungen nicht teilt oder meine Sicht auf die geistige Welt ablehnt.
Das konnte ich mit drei oder vier Jahren natürlich noch nicht.
Vielleicht liegt ein wichtiger Teil persönlicher Entwicklung genau darin:
Nicht alles, was wir irgendwann zu unserem Schutz gelernt haben, müssen wir für immer behalten.
Warum ich meiner Angst heute dankbar bin
Lange habe ich meine Angst als etwas betrachtet, das überwunden werden musste.
Heute sehe ich das anders.
Meine Angst war nicht meine Gegnerin.
Sie hatte eine Aufgabe.
Sie hat einen Teil von mir geschützt, für den ich als Kind keinen anderen Schutz hatte.
Deshalb möchte ich sie nicht bekämpfen oder aus meinem Leben verbannen.
Ich kann ihr vielmehr sagen:
Danke. Du hast Deinen Job gemacht.
Und gleichzeitig kann ich heute selbst entscheiden, ob die Gefahr, vor der sie mich warnt, überhaupt noch existiert.
Angst muss nicht bestimmen, welchen Weg ich gehe.
Aber sie kann mir zeigen, wo etwas für mich besonders wichtig ist.
Das ist ein großer Unterschied.
Heute darf meine mediale Wahrnehmung sichtbar sein
Es hat lange gedauert, bis ich selbstverständlich sagen konnte:
Ich bin Medium.
Nicht heimlich.
Nicht nur gegenüber Menschen, von denen ich wusste, dass sie ähnlich denken.
Und auch nicht mit dem Gefühl, meine Wahrnehmung anschließend verteidigen oder beweisen zu müssen.
Meine mediale Wahrnehmung gehört zu mir und zu meinem Leben.
Heute arbeite ich offen damit.
Dabei ist mir inzwischen etwas sehr wichtig geworden: Ich muss niemanden davon überzeugen, meine Erfahrungen genauso einzuordnen wie ich.
Menschen dürfen andere Vorstellungen vom Leben, vom Tod und von der geistigen Welt haben.
Und ich darf trotzdem zu meiner eigenen Erfahrung stehen.
Das ist für mich heute Freiheit.
Vielleicht geht es gar nicht darum, jemand Neues zu werden
Wenn ich auf diese Geschichte zurückblicke, denke ich manchmal darüber nach, wie viel Kraft wir Menschen darauf verwenden können, bestimmte Teile von uns zu verstecken.
Nicht weil diese Teile falsch sein müssen.
Sondern weil wir irgendwann gelernt haben, dass es sicherer ist, sie nicht zu zeigen.
Vielleicht kennst Du das aus einem ganz anderen Bereich Deines Lebens.
Vielleicht hast Du gelernt, Deine Meinung für Dich zu behalten.
Deiner Intuition nicht zu vertrauen.
Nicht zu zeigen, was Du wirklich möchtest.
Dich kleiner zu machen, damit Du nicht aneckst.
Oder einen Teil Deiner Persönlichkeit so gut zu schützen, dass irgendwann kaum noch jemand weiß, dass es ihn überhaupt gibt.
Dann lohnt sich vielleicht eine andere Frage als:
„Wie werde ich endlich mutiger?“
Nämlich:
„Wovor wollte ich mich ursprünglich schützen?“
Denn manchmal müssen wir einen alten Schutz nicht bekämpfen.
Wir dürfen verstehen, warum er entstanden ist.
Wir können anerkennen, dass er einmal wichtig war.
Und dann können wir prüfen, ob wir ihn heute noch brauchen.
Ich musste meine mediale Wahrnehmung lange verstecken, bevor ich bereit war, mit ihr sichtbar zu werden.
Heute muss ich mein Licht nicht mehr verstecken.
Nicht, weil die ganze Welt es sehen muss.
Sondern weil ich selbst entscheiden darf, wann, wo und mit wem ich es teile.



