Was hält mich eigentlich fest? Warum wir unsere eigenen blinden Flecken so schwer erkennen

von Sabine Stoick | Okt. 26, 2026 | Leben, Entwicklung & neue Perspektiven

Frau betrachtet nachdenklich eine Situation – eigene blinde Flecken erkennen

Nennen wir sie diesmal Clara.

Clara hat ein Problem, das sie ziemlich genau erklären kann: Andere verfügen ständig über ihre Zeit.

Die Kollegin fragt, ob sie noch schnell etwas übernehmen kann. Ihre Mutter ruft an und braucht „nur kurz“ Hilfe. Eine Freundin verschiebt eine Verabredung und geht selbstverständlich davon aus, dass Clara auch am nächsten Tag Zeit hat.

Und Clara? Macht mit.

Nicht immer gern. Manchmal sogar ziemlich wütend. Vor allem hinterher.

Sie hat darüber nachgedacht. Sehr viel sogar. Sie weiß, dass sie öfter Nein sagen müsste, hat über Grenzen gelesen und könnte vermutlich inzwischen einen kleinen Vortrag darüber halten, warum man die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen sollte.

Nur an ihrem Problem hat das erstaunlich wenig geändert.

Ihre Erklärung steht längst fest:

Die anderen nehmen einfach keine Rücksicht auf mich.

Kann stimmen.

Vielleicht stimmt es sogar ganz genau.

Aber bevor wir gemeinsam empört über Claras Kollegen, Mutter und Freundeskreis herfallen, fehlt uns eine Kleinigkeit:

Wir wissen bisher, wie Clara ihre Situation erklärt.

Wir wissen noch nicht, ob das schon die ganze Geschichte ist.

Und genau da wird es interessant.

Denn manchmal kommen wir nicht deshalb nicht weiter, weil wir zu wenig über ein Problem nachgedacht haben.

Sondern weil wir beim Nachdenken immer wieder von derselben Stelle aus loslaufen.

Wenn Nachdenken immer wieder bei derselben Erklärung landet

Dienstagmorgen.

Claras Kollegin steckt den Kopf durch die Tür.

„Kannst Du das heute Nachmittag noch übernehmen?“

Clara schaut auf ihren Schreibtisch. Eigentlich reicht der Tag jetzt schon nicht.

„Ja, kriege ich irgendwie hin.“

Am Abend sitzt sie immer noch im Büro.

Und denkt: Typisch. Sie weiß doch genau, dass ich genug zu tun habe.

Klingt schlüssig.

Nur wissen wir etwas Entscheidendes nicht:

Weiß ihre Kollegin das tatsächlich?

Clara könnte ihr natürlich noch drei Wochen lang innerlich mangelnde Rücksichtnahme vorwerfen.

Oder sie könnte etwas völlig Verrücktes tun:

Beim nächsten Mal Nein sagen.

Ein paar Tage später kommt die nächste Frage.

„Kannst Du das noch übernehmen?“

Clara holt Luft.

„Nein. Heute nicht.“

Und dann passiert etwas, womit sie offenbar nicht gerechnet hat.

Die Kollegin sagt:

„Okay. Dann frage ich Tom.“

Das war’s.

Keine beleidigte Miene. Kein „Auf Dich kann man sich auch nie verlassen“. Kein Drama im Büro.

Nur: „Dann frage ich Tom.“

Und plötzlich hat Clara ein kleines Problem.

Ihre bisher so wasserdichte Erklärung hat ein Loch.

Wenn aus einer Gewissheit plötzlich eine Frage wird

Die Kollegin kann trotzdem rücksichtslos sein.

Vielleicht fragt sie tatsächlich ständig dieselben Menschen. Vielleicht merkt sie sehr wohl, dass Clara viel zu tun hat, und es ist ihr schlicht egal.

Alles möglich.

Aber Clara weiß jetzt etwas, das sie vorher nicht wusste:

Ein Nein war offenbar erlaubt.

Zumindest dieses eine Mal.

Und damit verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:

Warum nehmen die anderen keine Rücksicht auf mich?

Sondern vielleicht auch:

Woran erkennen die anderen eigentlich, wo meine Grenze liegt?

Das ist ein bisschen unbequemer.

Denn plötzlich können wir nicht mehr ausschließlich auf die andere Seite des Tisches zeigen.

Aber daraus folgt nicht: Clara ist selbst schuld.

Dieser kleine Kurzschluss wäre genauso unsinnig.

Es bedeutet nur: Vielleicht fehlt in ihrer bisherigen Erklärung ein Stück.

Was ist passiert – und was habe ich daraus gemacht?

Clara könnte die Sache einmal ziemlich nüchtern auseinandernehmen.

Was ist tatsächlich passiert?

Die Kollegin hat gefragt. Clara hatte keine Zeit. Clara hat trotzdem Ja gesagt.

Was hat Clara daraus geschlossen?

Meine Kollegin nimmt keine Rücksicht auf mich.

Und jetzt wird es interessanter:

Was davon weiß Clara wirklich?

Sie weiß nicht, was ihre Kollegin denkt.

Sie weiß nicht, ob sie ein Ja erwartet oder nur danach fragt.

Sie weiß nicht einmal, ob die Kollegin Claras Arbeitsbelastung richtig einschätzen kann.

Plötzlich hat eine scheinbar glasklare Situation ein paar offene Stellen.

Und genau da können blinde Flecken sitzen.

Nicht als großes psychologisches Geheimnis, das irgendwo tief in uns auf seine Ausgrabung wartet.

Manchmal ist es einfach eine Annahme, die so selbstverständlich geworden ist, dass wir längst vergessen haben, dass es überhaupt eine Annahme ist.

Drei Fragen, die eine schöne Erklärung ziemlich durcheinanderbringen können

Wenn Du bei einem Thema schon ewig mit Deinen Gedanken im Kreis denkst, nimm einmal einen einzigen Satz, von dem Du inzwischen ziemlich überzeugt bist.

Zum Beispiel:

Er nimmt mich nicht ernst.

Oder:

Ich kann mich auf sie nicht verlassen.

Oder:

Ich bin einfach zu inkonsequent.

Und dann stell Dir drei Fragen:

Was ist tatsächlich passiert?

Nur das, was jemand von außen hätte beobachten können.

Was habe ich daraus geschlossen?

Und schließlich:

Was müsste ich wissen, um meine Erklärung wirklich überprüfen zu können?

Die letzte Frage hat es in sich.

Vielleicht lautet die Antwort:

Gar nichts. Die Sache ist tatsächlich ziemlich eindeutig.

Auch gut.

Du musst Dir nichts schönreden, nur damit irgendwo noch eine hübsche neue Erkenntnis herausfällt.

Aber manchmal taucht plötzlich etwas auf, das Du bisher gar nicht geprüft hast.

Eine Information.

Eine Reaktion.

Eine Möglichkeit.

Oder einfach eine Frage, auf die Du bisher nie gekommen bist.

Dann fehlt Dir vielleicht gar nicht noch mehr Nachdenken.

Sondern etwas, worüber Du bisher nicht nachdenken konntest, weil es in Deinem Bild gar nicht vorkam.

Wir sehen uns selbst aus einer ziemlich besonderen Perspektive

Dass uns dabei Dinge entgehen können, ist keine persönliche Macke.

Aus der Forschung zur Selbst- und Fremdwahrnehmung weiß man: Wir kennen unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Absichten. Andere Menschen sehen dafür etwas, das uns selbst manchmal weniger auffällt: wie wir tatsächlich handeln und auf sie wirken.

Beides ist nur ein Ausschnitt.

Clara kennt zum Beispiel ihr eigenes Gefühl ziemlich genau.

Sie weiß, wie genervt sie ist.

Wie oft sie schon eingesprungen ist.

Und wie sehr es sie inzwischen auf die Palme bringt, wenn wieder jemand etwas von ihr will.

Was Clara vielleicht weniger deutlich sieht, ist die Wirkung ihres eigenen:

„Klar, kein Problem.“

Für ihre Kollegin klingt das möglicherweise tatsächlich nach:

Klar. Kein Problem.

Fast ein bisschen unverschämt einfach, oder?

Aber manchmal sind blinde Flecken genau so unspektakulär.

Ein anderer Blick kann helfen. Er hat nur nicht automatisch recht.

Clara könnte jetzt eine Freundin fragen:

„Findest Du auch, dass meine Kollegin mich ausnutzt?“

Und vielleicht sagt die sofort:

„Ja! Habe ich Dir doch schon immer gesagt.“

Nun gut.

Eine zweite Meinung haben wir.

Die Wahrheit leider noch nicht automatisch dazu.

Denn auch die Freundin bringt ihre Erfahrungen mit, ihre Vorstellungen und vielleicht längst ihre eigene Meinung über Claras Kollegin.

Ein Blick von außen ist deshalb nicht automatisch die Wahrheit.

Er ist zunächst einmal genau das:

ein anderer Blick.

Und trotzdem kann er etwas in Bewegung bringen.

Vielleicht stellt jemand eine Frage, die in Deinem eigenen Gedankenkreis bisher nicht vorkam.

Vielleicht fällt ihm etwas auf, das für Dich so normal geworden ist, dass Du es gar nicht mehr bemerkst.

Oder plötzlich steht neben Deiner bisherigen Erklärung noch eine zweite.

Nicht besser.

Nicht richtiger.

Aber prüfenswert.

Und manchmal fehlt genau diese eine Frage

So etwas begegnet mir auch in einem Gespräch mit Aset.

Eine Kundin kommt mit einer Situation, über die sie längst viel nachgedacht hat.

Sie kennt ihre Gründe.

Sie kennt die Beteiligten.

Und meistens hat sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo das Problem liegt.

Dann sagt oder fragt Aset etwas, das in ihrer bisherigen Betrachtung schlicht nicht vorkam.

Nicht zwingend etwas Spektakuläres.

Manchmal ist es nur ein anderer Zusammenhang. Eine Fähigkeit, die sie selbst gar nicht mit einbezogen hat. Eine Möglichkeit. Oder genau die eine Frage, die bisher fehlte.

Und die Kundin muss das nicht einfach schlucken, nur weil Aset es sagt.

Sie spricht direkt mit ihm.

Sie kann nachfragen.

Widersprechen.

Sagen: „Das verstehe ich nicht.“

Oder: „Das sehe ich anders.“

Dann erklärt Aset weiter oder anders.

Das ist mir wichtig, denn:

Ein anderer Blick ist kein Urteil. Er ist etwas, das man befragen kann.

Und manchmal verändert genau das eine festgefahrene Situation.

Nicht weil plötzlich jemand anders für Dich entscheidet.

Sondern weil Du etwas in Deine eigene Entscheidung einbeziehen kannst, das vorher nicht auf dem Tisch lag.

Clara müsste übrigens immer noch mit ihrer Kollegin reden.

Das erspart ihr auch der schönste neue Blickwinkel nicht.

Aber vielleicht geht sie in dieses Gespräch nicht mehr mit der Gewissheit:

Du nimmst keine Rücksicht auf mich.

Sondern mit einer Frage:

Weißt Du eigentlich, was bei mir passiert, wenn Du mich um so etwas bittest?

Und dann könnte Clara zum ersten Mal eine Information bekommen, die ihr beim hundertsten Nachdenken allein tatsächlich gefehlt hätte.

Vielleicht reicht genau das schon.

Wenn Du herausfinden kannst, welche Information Dir fehlt, dann prüf sie. Frag nach. Probier etwas anders aus und schau, was tatsächlich passiert.

Und wenn Du genau das längst versucht hast und trotzdem immer wieder am selben Punkt landest, kann eine zusätzliche Perspektive sinnvoll sein. Ein Gespräch mit Aset ist eine Möglichkeit, gemeinsam auf das zu schauen, was in Deiner bisherigen Betrachtung vielleicht noch gar nicht vorkam.

Manchmal ist ein blinder Fleck eben kein großes Geheimnis.

Manchmal ist es nur die Stelle, an der wir aufgehört haben zu fragen, weil wir dachten, wir hätten die Antwort längst.

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